Zwischen dem Schulgrundstück und den Grundstücken von Windelschmidt und Mainz das Schulgässchen. Beiderseits von Mauern eingefasst, die uns natürlich oft zu gewagten Kletterkunststückchen herausforderten. Besonders gern wurde die Mauer zu Mainz überklettert, eine starke Bimsplattenwand, oben mit eingemauerten Flaschenscherben gespickt. War man glücklich hinüber, so landete man im Garten von Mainz mit der riesigen Trauerweide am Teich. Nach Durchquerung des Gartens kam ein Durchgang, links lagen Werkstatt und Toiletten so-wie der Durchgang zum Aschenplatz, danach begann danach das Brotlager.

Rechts, entlang der Bäckerei, lagen unter dem hohen Kamin die "Hinterteile" der Backöfen, die Feuerungen. Von hier aus wurden sie "gestocht", meist mit Briketts.

Manchmal landeten dort jedoch auch die verbrannten und verschwiegenen Brote, die die Bäcker im Ofen vergessen hatten. Sie hatten "zevöl jemullt" oder sich gestritten und das rechtzeitige Ausziehen des Ofens hierüber vergessen. Der Durchgang endete auf dem Verladehof, zwischen Villa und Fabrik. Links lag das Brotlager, gefolgt von einer Remise und einem Durchgang zur Scheune. Rechts wurde der Hof eingefasst von dem Vordach der Bäckerei, unter dem auch bei Regen die Brotwagen im Trockenen zum Brotlager gefahren wurden. Daran anschließend kam der Mehlturm mit dem Sackaufzug, dann das Büro, gefolgt vom etwas zurückliegenden Schneideraum, in dem das Brot geschnitten und verpackt wurde. Dann kam, entlang der Mauer des Schulgässchens, die Ausfahrt zur Hauptstraße.

In der "alten" Schule lag - zur Straße hin - der Eingang zur Schule, das Klassenzimmer des 1. Schuljahrs, dahinter lag das Lehrmittelzimmer, in dem u.a. auch die großen Landkarten für den Erdkundeunterricht, später auch der Filmvorführapparat aufbewahrt wurden. Direkt gegenüber vom Eingang war das gefürchtete Lehrerzimmer, daneben das Klassenzimmer des 7.Schuljahres. Darüber, auf der 1. Etage, war die Oberklasse, das 8. Schuljahr, mit großen Fenstern zu Lambertz' Garten hin. Dort oben, neben einem der Fenster hing an der Außenwand die Schulglocke, die auf Befehl des Lehrers zu Schulbeginn und zu den Pausen von einem - meist bevorzugten - Schüler " gebimmelt wurde. Zur Straße hin lag die Wohnung von Lehrer Lambertz.

Unser Schuljahr war mit knapp 70 Mädchen und Jungen (vor der Emanzipation sagte man Jungen und Mädchen) recht zahlreich. Etwa die Hälfte kam aus dem Dorf, die anderen aus der Broicher Siedlung, der Ley-Siedlung, wie man damals sagte. Die Jungen aus der Siedlung waren in etwa so wie wir, vielleicht etwas robuster und zäher. Die Siedlermädchen hingegen waren ganz anders als die aus dem Dorf. Sie waren freier, ungezwungener, vielleicht auch etwas frecher. Heute würde man sagen, sie hatten mehr Pepp. Über den Ursprung der Siedlung weiß ich nur, daß er irgendwie mit der "Kull" zusammenhing. Die erste Ansiedlung war wohl in der Randsiedlung, dann folgte die "alte" Siedlung, die jedoch immer auf Distanz zur Randsiedlung bedacht war. Dann wurde unter Hitler die "neue" Siedlung gegründet, eine Folge der stetig wachsenden Steinkohleförderung der Gruben in Alsdorf und Mariadorf, die immer mehr Bergleute brauchten. Es wurde ein "Musterhaus" errichtet, das 1939 der Bevölkerung durch Dr. Ley mit großem Propaganda - Aufwand vorgestellt wurde.

Dr. Ley war es auch, der als Siedlungsminister 1934 den ersten Spatenstich tat. Nach ihm hieß die Siedlung dann auch einfach und kurzerhand Ley-Siedlung. Die Steigerung der Kohleförderung und die damit verbundene Umsiedlungspolitik waren eine Maßnahme der NSDAP (National-Sozialistische Deutsche Arbeiter-Partei). Die Maßnahme schuf Arbeit, war mithin in einer Zeit hoher Arbeitslosigkeit sehr propagandaträchtig und somit für das System lebenswichtig. Später wurde die Kull sogar kriegswichtig. Und nach dem Krieg war sie für viele überlebenswichtig, denn die Bergleute bekamen Sonderrationen und als erste die begehrten "CARE-Pakete" aus Amerika, von deren Inhalt der damalige "Otto – Normalverbraucher“ nur träumen konnte.

In der Schule war unser Klassenzimmer jetzt auf der 1.Etage der neuen Schule.

Nach Süden hin waren hohe, große Fenster. Ich saß in der Fensterreihe und im Sommer machte die Sonne mich stets schläfrig. Neben dieser Reihe kam noch eine Bankreihe mit Jungen, dann folgten - zur Innenwand und mithin zur Tür hin - zwei Bankreichen mit den Mädchen.

Mit Emma Laban, Josef Wenders, Betti Küffen, Kätchen Blocksdorf, Kurt Kappertz und anderen holten wir Ernst Moritz Arndt in die Linden-Neusener Schule:

Sonne, Mond und Sterne

Und die Sonne, sie machte den weiten Ritt um die Welt.
Und die Sterne sprachen: wir reisen mit um die Welt.
Und die Sonne, sie schallt: ihr bleibt zu Haus,
denn ich brenn euch die goldenen Äuglein aus
bei dem feurigen Ritt um die Welt.

Und die Sternlein gingen zum lieben Mond in der Nacht.
Und sie sprachen: Du, der auf Wolken thront in der Nacht,
laß uns wandeln mit dir, denn dein heller Schein
er verbrennt uns nimmer die Äugelein.
Und er nahm sie, Gesellen der Nacht.

Nun willkommen, Sternlein und lieber Mond, in der Nacht !
Ihr versteht, was still im Herzen wohnt, in der Nacht.
Kommt und zündet die himmlischen Lichter an,
daß ich lustig mitschwärmen und spielen kann
bei den freundlichen Spielen der Nacht.

Sonne, Mond und etliche Sterne hatte ich auf Karton gemalt, ausgeschnitten und mit einem Stock zum Hochhalten versehen. Die Kostüme aus alten Gardinen, Vorhängen und Buntpapier waren Gemeinschaftsleistung. Die Einstudierung teilten sich Emma Laban und ich.

Die Aufführung wurde ein großer Erfolg und alle Mitwirkenden ernteten ein ganz dickes Lob des Lehrers.

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